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Junge Leute fassen Fuß in visueller und realen Welt

Stadt und Arbeitsamt preisen Beschäftigungsprojekt in Medienwerkstatt für neun Teilnehmer als “Paradebeispiel” Halbzeit beim Beschäftigungsprojekt für Jugendliche in der Medienwerkstatt. Vorläufiger Höhepunkt dieses einmaligen Orientierungs- und Weiterbildungsangebots: Alle neun Teilnehmer sind mit einer selbstgebastelten Homepage im Internet. Andreas Schmidt (23) ist “Mister Elektroman”. “Alles, was mit Elektronik zu tun hat, zieht ihn magisch an”, verkündete er auf seiner Homepage. Schmidt war arbeitslos, bevor er wie die anderen am 1. Oktober vergangenen Jahres in der Medienwerkstatt begann. Mehr als einen Sonderschulabschluss und Berufserfahrungen als Reinigungskraft konnte er bis dahin nicht vorweisen. Und nun die Homepage und die Emails, die hoffentlich kommen und die er gewissenhaft beantworten wird.
“Deine Freundin hört die Backstreet Boys und Du weißt keinen Rat mehr? Hier die Lösung: WallaWalla-Services hilft Dir aus allen Lebenslagen und das ein Leben lang!”
In schönem Werbedeutsch bietet Faye Bermbach (23) auf ihrer Homepage imaginäre Dienste an. Die 19jährige Lucy Greiner wiederum beschreibt ihre Erfahrungen als deutsch Kenianerin in Europa und Afrika:” Ich habe Angst vor der Zukunft. Wie soll ich Kinder In die Welt setzen, wenn ich weiß, sie werden das gleiche durchmachen müssen wie ich? Vielleicht sollten wir den Hass erstmals in uns selbst bekämpfen und unsere Unzufriedenheit, alles Schlechte, was tief in uns lauert”. Die 19jährige mit Realschulabschluß erfuhr durch eine Freundin, Nilufar Baghery (18) von dem Projekt. Nilufar stellt sich auf ihrer Homepage als eine “Seerose” vor, die aus Persien kommt.
Boris Blaha, mit 25 Jahren der älteste, hält sich dagegen mit persönlichen Aussagen zurück. Er beschreib, kurz und präzise, wenn auch nicht ohne Rechtschreibfehler, die Arbeitswelt der neun Jugendlichen. Da ist etwa das Filmtheater Valentin, das 1994 “auf dem ehemaligen Mc Near Gelände in Frankfurt Höchst von den Betreibern der Medienwerkstatt Frankfurt, Werner Rosmaity und Oliver Rothländer eröffnet” wurde.
Blaha hatte nach der Realschule eine Augenoptikerlehre begonnen und abgebrochen, danach ließ er sich zum Koch umschulen, hat “hier und da gearbeitet, ohne direktes Ziel eigentlich”. Allen neun Jugendlichen macht die Arbeit in der Medienwerkstatt Spaß. Anfängliche Probleme mit der Pünktlichkeit gehören längst der Vergangenheit an.

Einen ganzen Batzen Theorie haben sie sich widerstandslos einverleibt weil immer alles seinen praktischen Sinn Hatte. Es gibt keine Trockenübungen, beteuert Projektleiterin Christa Erbrich. Die Jugendlichen arbeiten mit, entwerfen Weihnachtskarten, Eintrittskarten, Flyer. Helfen beim Auf- und Abbau, wenn im Sinkkasten ein Festival steigt. Und werden im Sommer auch im Höchster Silobad dabei sein, wo Hessens größtes Open-Air-Kino entstehen wird. Für Frankie TiVi, das Magazin von Kindern für Kinder, das regelmäßig im Offenen Kanal Offenbach/Frankfurt ausgestrahlt wird, werden Beiträge produziert. Auch beim Kinderkino im Bunker in der Germaniastraße machen die Jugendlichen mit. Ihr Einsatz, gewöhnlich von 10 bis 18 Uhr, gelegentliche Überstunden nicht ausgeschlossen, wird mit monatlich 2000 Mark brutto vergütet.
Für zwei Drittel der Kosten des einjährigen Projekts kommt das Arbeitsamt auf, den Rest steuert die Stadt bei. Beide Kostenträger halten das Projekt für vorbildlich. Es’ sei “ein Paradebeispiel” dafür, wie man Angebote schafft, die “an die Interessenlage der Jugendlichen” anknüpfen, so Matthias Spieler vom Arbeitsamt. “Schlüsselqualifikationen” nennt Medienpädagoge Werner Rosmaity das, was die jungen Leute in der Medienwerkstatt lernen. Sich Auskennen in der virtuellen Welt der neuen Medien und in der realen. Abläufe verstehen, organisieren können. Und sich ein Ziel setzen. Christian Dreher (21) wird sich um einen Ausbildungsplatz als Fachkraft für Veranstaltungstechnik bemühen. Dabei werden ihm die vielfältigen Kontakte der Medienwerkstatt hilfreich sein. Ein Bewerbungstraining gehört ohnehin mit zum Projekt. Sabine Eifert (18) wird wieder zur Schule gehen, die anderen wissen noch nicht so genau, wie es im Oktober weitergehen soll. Als ein Gewinn wird die Zeit in der Medienwerkstatt schon jetzt empfunden: “Wenn das Jahr vorbei ist”, meint Nilufar Baghery, “kann ich stolz auf mich sein. Ich habe gelernt mit dem Computer und mit Menschen umzugehen.”

Friederike Tinnappel Frankfurter Rundschau 06.04.1999

Von Ratten und Rollen
Die Medienwerkstatt Frankfurt feiert mit einer Jugendfilmgala im Deutschen Filmmuseum ihr 15-jähriges Bestehen Laura will sich von ihrer Freundin 100 Mark leihen. “Willste Klamotten kaufen gehen?” fällt dieser dazu spontan ein. Doch Laura interessiert sich weniger für Klamotten als für Drogen. Das hat sie mit Lukas gemeinsam, der sich sowohl für Drogen als auch für Laura interessiert. High End war einer von zwei Kurzspielfilmen, die im Rahmen der “Jugendfilmgala” im Deutschen Filmmuseum zu sehen waren. Die Filme sind Beispiele der Kinder- und Jugendarbeit der Medienwerkstatt Frankfurt, die in diesem Jahr ihr 15-jähriges Bestehen feiert. Mit ihrer praktischen Medienarbeit will sie Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, dem fernsehfixierten Alltag etwas entgegenzusetzen, von eigenen Erfahrungen zu berichten und die auch der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dass die Projektleiter Oliver Rothländer und Werner Rosmaity, der auch das Filmtheater Valentin in Höchst leitet, damit Erfolg haben, beweist nicht zuletzt die Kontinuität des Projekts.
An High End, ihrem bereits vierten gemeinsamen Film, arbeiteten die Schüler der Integrierten Gesamtschule Nordend über ein Jahr. Dabei sind die Beteiligten unter den aufmerksamen Augen der Projektleiter für den gesamten filmischen Ablauf verantwortlich: für Schnitt, Kamera, Drehbuch, Ton und Beleuchtung. Der Abend zeigte auch, dass der steigende bilderkonsum der Heranwachsenden nicht unbedingt immer Anlass zur Sorge geben muss. In die Filme fließt vieles ein von dem, was wir von “großen” Filmen kennen und an ihnen mögen: authentische Dialoge und überzeugende Darsteller, gelungene Schnitte und, besonders auffällig, ein raffinierter Einsatz von Musik. Als Laura am Ende des Films im Drogenrausch von Ratten heimgesucht wird und das Bild allmählich in ein gleitendes Weiß abgleitet, kündet die dazu unterlegte, von den Jugendlichen neu gemixte Technomusik, jedenfalls kein gutes Ende an. Was uns Kinder und Jugendliche noch von ihrem Alltag erzählen wollen, wird demnächst im Filmtheater Valentin zu sehen sein. Werner Rosmaity plant außerdem, einige der Filme als Rolle in die Programmkinos zu bringen.

Barbara Geis Frankfurter Rundschau 01.03.2001


Kleine Detektive au f der Lauer KT 61 drehte den Krimi “Wegen Seuche geschlossen”

Eine Film-Karriere hat er fest im Blick: “Ich kann mir gut vorstellen, Schauspieler zu werden”, sagt der zehnjährige Louis. Sollte es klappen, dürften wir ihn in einigen Jahren wohl in einem tatort wieder sehen – aber nicht als Komissar: mit grosser Leidenschaft spielt Loius einen Erpresser im Kinderkrimi “Wegen Seuche geschlossen”, den die hortkinder der KLT 61 am Günthersburgpark mit zwei Azubis der medienwerkstatt Frankfurt produziert haben. “Die Rolle wollte ich von Anfang an. Es macht total Spaß, der Böse zu sein”, erklärt Louis mit funkelnden Augen. Nun zur Filmhandlung: in Eintracht-Trikots kicken die Kinder im Günthersburgpark. Da Sport hungrig macht, sitzen sie später mit Messer und Gabel in der KT und schreien nach Essen. Ein Ungeduldiger geht in die Küche – und lässt seinen Teller entsetzt fallen: Der stellvertretende Leiter Markus Mayer ist mit grünem Gesicht auf einem Tisch zusammengebrochen – offenbar vergiftet. Wochenspäter finden die Kinder in einem Briefumschlag eine Diskette mit abgespeichertem Text. Der Erpresser will “200 Euro in kleinen Scheinen, sonst gibt es viele Tote.” Eine Delegation deponiert das Geld im Günthersburgpark am großen Stier und legt sich auf die Lauer. Doch der Gauner entkommt unerkannt. Das Handwerk legt ihm dann der Zufall. Bei der Premiere in der KT spendeten Eltern, Angehörige und Freunde großen Applaus. Erzieherin Rosmarie Grüter, die das Projekt betreut hatte, überreichte den Schauspielern einen goldenen Mini-Oscar. “Eigentlich wollten wir unsere Grundsanierung im vergangenen Jahr auf Film dokumentieren, aber das fanden die Kinder langweilig.” Die Jungen und Mädchen wollten einen Kinderkrimi. Sie entwickelten ein Drehbuch und legten es Eric Herrmann und Hannes Weiß vor, Azubis zum Mediengestalter Bild\Ton bei der Medienwerkstatt. Nicht alle Ideen waren realisierbar: “Einen Hubschrauber-Absturzfanden zwar alle toll, aber der war zu teuer.” Mit seinem Kollegen drehte Herrmann im Frühjahr und Sommer 2002 zwei bis drei Stunden in der Woche. Die Kinder spielten, durften aber auch mal Tonangel oder Scheinwerfer halten und hin und wieder die Digitalkamera ausprobieren; im Herbst und Winter schauten sie in Gruppen bei Schnitt und Vertonung zu. “Sie waren sehr fleissig”, sagt Herrmann. “Die Zusammenarbeit mit der Medienwerkstatt hat wunderbar geklappt”, lobt Erzieherin Grüter. Das Projekt habe den Kindern gezeigt, wie viel Arbeit hinter einem spielfilm stecke.

Frankfurter Rundschau 20.03.2003